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Straßenbenutzungsgebühren in Europa
Die mit dem Verkehr zusammenhängenden Probleme und die daraus abzuleitenden
Herausforderungen der nächsten Dekade sind immens groß (Was
kostet Verkehr?). Dies bezieht sich insbesondere auf die in
Großstädten virulenten Verkehrs- und Umweltprobleme und die starke
Dominanz des motorisierten Individualverkehrs (MIV) im Personenverkehr
(ECMT, 1995). Straßenbenutzungsgebühren werden in der Literatur
immer wieder als effektive Maßnahmen zur Steuerung der Nachfrage
des MIV aufgeführt (Button & Verhoef, 1998). Ziel ist es dabei,
entweder die Nachfrage nach MIV zu reduzieren (Verkehrsvermeidung
bzw. -verlagerung) oder durch eine zeitlich-räumliche Veränderung
der Nachfrage vor allem in Ballungsräumen zu einer besseren Verteilung
des Verkehrs zu kommen (Verkehrsoptimierung). Maßnahmen zur Gestaltung
der vorhandenen Nachfrage nach Verkehr bzw. Kontrolle des Nachfragewachstums
werden im englischsprachigen Raum als Travel Demand Management (TDM)
bezeichnet, im Unterschied zu Maßnahmen zur effektiven Nutzung der
vorhandenen Infrastruktur bzw. Angebotsgestaltung (Transportation
Supply Management) (OECD, 2002; Orski, 1998). Allerdings ist die
Verwendung der Begriffe nicht immer einheitlich. In der deutschsprachigen
verkehrswissenschaftlichen Literatur werden i.d.R. organisatorisch-ordnungspolitische,
infrastrukturpolitische (Angebotsgestaltung), informatorische (Aufklärungsmaßnahmen)
und preispolitische Maßnahmen unterschieden (vgl. Bamberg, Niestroj,
& Weber, 2000; Schlag, 1998).
Mit Straßenbenutzungsgebühren ist das Bestreben verbunden, derzeitig
noch fixe Kosten des Kraftfahrens (Kfz-Steuer, Verbrauchssteuern,
Anschaffungskosten des Kraftfahrzeugs) je nach Nutzungsumfang verhaltensnah
zu berechnen (siehe Tab. 1).
| Fixe Kosten |
Variable Kosten |
| Erwerbs- und Besitzentgelte |
indirekte Benutzungsentgelte |
direkte Benutzungsentgelte |
| z.B. Kaufs- und Verkaufssteuern oder
die Kraftfahrzeugsteuer |
Kosten, die z.B. den Zugang zur Nutzung
eines Straßenraums ermöglichen und nicht in direktem Zusammenhang
mit dem erfolgten Verkehrsverhalten zu bezahlen sind (z.B.
Kraftstoffsteuer, Anwohnerparkgebühren, Autobahnvignetten
etc.) |
Kosten, die auf den einzelnen Umfang
der Nutzung (räumlich und/oder zeitlich) begrenzt sind: z.B.
Parkgebühren (Nutzungszeit), Taxikosten, Einzelfahrscheine
im Öffentlichen Verkehr, automatisch gemessene Straßenbenutzungsgebühren
u.a. |
Tab 1: Fixe und variable Transport- und Mobilitätskosten (nach
Schlag, 1998)
Dabei stellt die kontingente Variabilisierung der individuell getragenen
Kosten nach dem Verursacherprinzip ein wichtiges Moment der Verhaltensbeeinflussung
dar (Schlag, 1998; Jakobsson, Fujii & Gärling, 2002). Eine differenziertere
Variabilisierung könnte beispielsweise vorsehen, die Nutzung des
Straßenraumes zu bestimmten Hauptverkehrszeiten zu verteuern (congestion
pricing), oder die Fahrt in das Stadtzentrum an bestimmten Punkten
zu bepreisen (cordon pricing).
| Punktsystem |
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Kordonsystem |
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Gebietssystem |
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Abb. 1: Räumliche Varianten von Straßenbenutzungsgebühren
(KonSULT, 2003) Städtische Straßenbenutzungsgebühren fanden
sich in Europa bisher nur in Norwegen (Oslo, Bergen, Trondheim).
Seit Februar 2003 ist darüber hinaus in London ein innerstädtischer
Gebührenring eingeführt worden (Tab. 2). Daher gibt es bisher nur
wenig Belege für die Verhaltenswirksamkeit städtischer Straßenbenutzungsgebühren.
Ramjerdi (1995) berichtet einen Rückgang von 3-4 % der Einfahrten
in den Gebührenring von Oslo, der allerdings ohne Auswirkung auf
die ÖPNV-Nutzung bleibt. Larsen (1988) schätzt, dass der Gebührenring
in Bergen die Einfahrten während der Bepreisungszeiten um 6-7 %
reduziert hat. Meland (1995) weist nach, dass der Gebührenring in
Trondheim zu teilweise substantiellen zeitlichen Verschiebungen
von bestimmten Fahrten (z.B. Einkaufsfahrten) geführt hat. Längerfristige
Analysen zeigen, dass durch die Einführung der Straßenbenutzungsgebühren
in Trondheim der Anstieg der Verkehrsnachfrage im Vergleich zu umliegenden
Regionen deutlich verringert werden konnte (Tretvik, 2003). Insgesamt
fallen die berichteten Effekte nicht sehr hoch aus. Es ist jedoch
anzumerken, dass die Gebührenhöhe aller norwegischen road pricing
Modelle relativ niedrig im Verhältnis zum durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen
ist. Das Hauptziel besteht in der Generierung neuer Einnahmen und
nicht in der Lenkung oder Reduzierung des MIV. Modellrechnungen
zeigen, dass mit höheren Gebühren ein substantiellerer Rückgang
an Autofahrten zu erreichen wäre (May & Milne, 2000).

Tab 2: Vergleichende Charakteristik von städtischen road pricing-Systemen
Schade (2005). Die Angaben basieren auf Tretvik (2003), Kolb (1995),
Menon (2000) und Dix (2002, 2004) (Daten für Norwegen von 1992).
Der Popularität von Straßenbenutzungsgebühren in der zumeist ökonomischen
Literatur steht allerdings eine völlig andere Wirklichkeit gegenüber.
Bis auf die wenigen oben dargestellten Ausnahmen sind städtische
Straßenbenutzungsgebühren in Europa bisher kaum realisiert. In der
Vergangenheit wurde dies v.a. auf technische und rechtliche Probleme
zurückgeführt, die sich jedoch inzwischen größtenteils als gelöst
bezeichnen lassen. Die derzeitige Diskussion wird von dem Argument
beeinflusst, dass Straßenbenutzungsgebühren in der Bevölkerung vehement
abgelehnt werden. Dies wiederum führt dazu, dass der Versuch einer
Einführung von Preisinstrumenten im Verkehr von politischer Seite
kaum versucht wird. Zahlreiche Umfragen belegen, dass ein Großteil
der Bevölkerung Maßnahmen zur Verteuerung des Autoverkehrs entschieden
zurückweist, selbst wenn die Nettobelastung gleich bleibt (Jones,
1991, 1998; Schade & Schlag, 2003). So liegen Verbesserungen des
öffentlichen Personenverkehrs in der Zustimmung immer an erster
Stelle, gefolgt von Vorschlägen zur Zugangskontrolle zu Innenstädten
(access restriction), und - mit Abstand - eine Reduzierung des Parkraumes
(vgl. Abb. 1). Die geringste Akzeptanz finden generell Entgelte,
die sowohl ruhenden Verkehr betreffen (increasing parking cost)
als auch die Benutzung von Straßen (distance based pricing), und
sei dies nur in Zeiten besonders hoher Verkehrsdichte (congestion
pricing).
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Abb. 2: Akzeptanz verschiedener TDM-Maßnahmen (Schade,
2003, 111).
Es stellt sich die Frage nach den Gründen für diese fast einhellige
Ablehnung insbesondere bei den betroffenen Autofahrern. Zumindest
teilweise lässt sich dies aus der negativen Reaktion der Betroffenen
auf die steigenden Kosten der Autonutzung erklären. Niemand zahlt
gerne für etwas mehr, was früher mit geringeren Kosten konsumiert
werden konnte. Ziel ist es, anhand des heuristischen Akzeptanzmodells
von Schlag (Schade, 1999; Schade & Schlag, 2000; Schlag, 1998; Schlag
& Teubel, 1997) die kognitiven Bedingungen der Akzeptanz von Straßenbenutzungsgebühren
zu untersuchen.
Die Frage nach den die Akzeptanz beeinflussenden Faktoren sind
wir v.a. in EU-Projekten nachgegangen:
Zentrale Veröffentlichungen zu diesem Thema:
Schade, J., Baum, M. (2007). Reactance
or acceptance? Reactions towards the introduction of road pricing.
Transportation Research: Part A, 41 (1), 41-48. (Eingereichtes Manuskript)

Schade, J. (2005). Akzeptanz
von Straßenbenutzungsgebühren. Entwicklung und Überprüfung
eines Modells. Lengerich: Pabst Science Publishers.
Schade, J., Schlag, B. (2004). Kognitive Bedingungen der öffentlichen Akzeptanz von Straßenbenutzungsgebühren. Zeitschrift für Umweltpsychologie,
8 (1), 210-224.
Schade, J., Schlag, B. (Hrsg.) (2003). Acceptability
of transport pricing strategies. Oxford: Elsevier.
Schade, J. & Schlag, B. (2003): Acceptability
of urban transport pricing strategies. Transportation Research
Part F: Traffic Psychology and Behaviour, 6 (1), 45-61.
Schade, J. & Schlag, B. (2000): Acceptability
of urban transport pricing. VATT Research Report No 72.
Helsinki.
Schlag, B. (1998): Zur Akzeptanz von Straßenbenutzungsentgelten,
Internationales Verkehrswesen, 50, 308-312.
Kontakt:
Dr. Jens Schade
Technische Universität Dresden
Lehrstuhl Verkehrspsychologie, 01062 Dresden
Tel.: 0351 463 36682
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