|
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung
1. Zum Stellenwert des road pricing
2. Konzepte der individuellen Anlastung von Mobilitätskosten
3. Akzeptanzprobleme und Lösungsansätze
3.1 Information
3.2 Die wahrgenommene Effektivität und Effizienz
3.3 Privatheit und die Beziehung zum Fahrzeug
3.4 Die Einnahmenverwendung
3.5 Equity
4. Literatur
Zusammenfassung
Road pricing ist wirtschaftswissenschaftlich vielfach als sinnvoll
und wünschenswert vor allem zur Internalisierung heute externaler
Verkehrskosten begründet worden. Technisch sind Möglichkeiten
für eine nutzungsnahe Entgelterhebung vorhanden. Eine Einführung
steht jedoch in hohem Maße vor dem Problem mangelnder öffentlicher
und politischer Akzeptanz. Vorgestellt wird ein Ansatz zur Strukturierung
der Akzeptanzproblematik, der besonders auf sozialpsychologischen
Theorien aufbaut. Um die Akzeptanz von Straßenbenutzungsentgelten
zu erhöhen, sind danach neben Informationen über Verkehrsprobleme,
Ziele und wirksame Lösungsmöglichkeiten u.a. Probleme
der Privatheit, der Einnahmenverwendung und der Gleichbehandlung
zu beachten. Zugleich scheint road pricing nur als integraler Bestandteil
eines Gesamtkonzepts des Nachfragemanagements öffentliche Akzeptanz
finden zu können.
1. Zum Stellenwert des Road Pricing
Eine klassische Unterscheidung im Verkehrswesen nennt drei Wege
zur Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens, meist bezeichnet
als "3 E":
- Enforcement: ordnungsrechtliche Maßnahmen, vor
allem Gebote und Verbote, die als verhaltenslenkende Vorgaben
im Verkehr zur Gewährleistung eines sicheren Ablaufs so differenziert
ausgearbeitet sind wie in wenigen anderen Lebensbereichen;
- Engineering: eine veränderte Angebotsgestaltung,
betreffend sowohl die Verkehrswege für verschiedene Verkehrsträger
wie auch die Verkehrsmittel;
- Education: Maßnahmen der Ausbildung, Aufklärung
und Information in erster Linie der Fahrzeugführer, in einem
erweiterten Verständnis als Verkehrsträgermarketing
jedoch auch aller Nutzer.
Als weitere grundsätzliche Möglichkeit zur Beeinflussung
(nicht nur) des Mobilitätsverhaltens ist ein viertes "E" zu
ergänzen: Anreizsysteme bzw. Variationen des Kosten-Nutzen-Kalküls
der Verkehrsteilnehmer, zu bezeichnen als encouragement oder
economy.
Diese Maßnahmengruppen sind in der Praxis meist nicht streng
zu trennen. So ist Aufklärung und Information immer erforderlich
bei der Einführung einer Maßnahme. Weiterhin steht z.B.
die Variation von Transportpreisen in engem Bezug zum jeweiligen
Transportangebot. Traditionell wurde im Verkehrsbereich zur Verhaltenssteuerung
besonderer Wert auf ordnungsrechtliche Maßnahmen gelegt, die
allerdings an deutliche Grenzen stoßen, wenn es nicht mehr
allein um die Beeinflussung des Fahrverhaltens, sondern um das Mobilitätsverhalten
insgesamt geht. Wirtschaftliche Anreizsysteme haben sich in vielen
Lebensbereichen als die oft effektivsten Maßnahmen zur Verhaltensbeeinflussung
auf kollektiver Ebene erwiesen. Sie nutzen Prinzipien des operanten
Konditionierens. Folgt man lerntheoretischen wie wirtschaftswissenschaftlichen
Grundsätzen, so ist ein wesentlicher Teil des erfahrenen Handlungsrahmens
durch die erwarteten Verhaltenskonsequenzen bestimmt. Für den
Bereich des Mobilitätsverhaltens bestehen zu solcher Art Kontingenzmanagement
weitreichende Vorstellungen, die dazu beitragen sollen, individuelle
Handlungsfreiheiten in diesem kritischen Bereich in besseren Einklang
zu bringen mit sozialen und ökologischen Anforderungen. Dabei
wird operantes Konditionieren hier weniger als einfaches Lernprinzip,
stärker hingegen als Motivationsstrategie verstanden: die Motivation,
aufgrund von (selbst oder stellvertretend) gemachten Erfahrungen
und von Erwartungen über Handlungsfolgen etwas Bestimmtes zu
tun oder zu lassen. Formuliert sind solche Gedanken traditionell
in Erwartungs- x Wert-Modellen (vgl. Schlag, 1995) und differenzierter
u.a. bei Heckhausen (1989). Allgemeines Ziel ist die Schaffung von
Rahmenbedingungen, die den Marktteilnehmern Freiraum ermöglichen
und die ein fortwährendes Eingreifen unnötig machen, da
sich die handelnden Individuen zu ihrem und der Gemeinschaft Wohl
selbst steuern. Diese Rahmenbedingungen werden wesentlich über
die Preise für die nachgefragten Güter gestaltet.
Die lenkende Wirkung der Preise für die Nutzung bestimmter
Verkehrsinfrastrukturen kann sich auf unterschiedlichen Ebenen zeigen.
Rothengatter (1994) nennt ein Spektrum von Entscheidungsebenen,
das von der Beeinflussung der individuellen Routenwahl, der Fahrzeiten,
der Fahrtenhäufigkeit und der Fahrweiten über die Beeinflussung
des modal split und der Fahrzeugwahl, gegebenfalls auch der Auslastungs-
und Besetzungsgrade der Fahrzeuge (vgl. FAW, 1995), bis hin zu einer
Änderung der Distributionslogistik und der Standortwahl reichen
kann. Allerdings ist die Verhaltenswirksamkeit von Preisen ihrerseits
abhängig von einer Vielzahl von Einflußgrößen.
Folgt man Theorien des Nachfrageverhaltens, so wird die Elastizität
des Entscheidungsverhaltens eines rational seinen Nutzen abwägenden
Menschen vor allem durch sein verfügbares Einkommen und durch
die Preise für die gewünschten Güter bestimmt. Über
Güter des Alltagsgebrauchs, die er unbedingt benötigt,
wird er dabei nicht (nach Einkommen und Preis) elastisch entscheiden
können, während er andere Güter, sogenannte Luxusgüter,
bei höherem Einkommen stärker nachfragen wird. Ähnlich
verhält es sich für die Preise. Die Preiselastizität
gibt die Veränderung in der Nachfrage nach einem Gut an, die
aus einer entsprechenden Preisveränderung resultiert. Eine
geringe Preiselastizität charakterisiert ein notwendiges Gut
oder eines, für das wenig akzeptable Ersatzmöglichkeiten
bestehen. Eine hohe Preiselastizität kennzeichnet ein Luxusgut
bzw. ein Gut mit vielen akzeptablen Substituten. Autos scheinen
nun von vielen Menschen keineswegs mehr als Luxusgut oder als ein
Gut, zu dem viele Alternativen bestehen, gesehen zu werden (vgl.
RAC, 1995). Mehr noch: Es scheint einen Lernprozess zu geben, den
Menschen bei der Herausbildung bestimmter Mobilitätspattern
regelmäßig durchlaufen. Vor und bei der Anschaffung des
ersten Autos wird dieses in der Regel als substituierbares Luxusgut
verstanden, zu dem Mobilitätsalternativen bestehen, die bis
dahin ja auch genutzt wurden. Die Entscheidung über die Erstanschaffung
ist insofern noch sehr elastisch (und veränderbar). Wird später
eine Ersatz- oder Neuanschaffung "notwendig", so wird diese Elastizität
bzw. Wahlfreiheit nicht mehr verspürt. Tatsächlich haben
sich in der Zwischenzeit regelmäßig das räumliche
Verhalten und die zeitlichen Dispositionen, oft der gesamte Tagesablauf,
auf die Verfügbarkeit eines Autos eingerichtet. Subjektive
und objektive Determinanten haben das Auto von einem Luxusgut zu
einem notwendigen Alltagsgut werden lassen. Ursprüngliche Wahlfreiheiten
zwischen Mobilitätsalternativen werden nicht mehr wahrgenommen.
Eine Konsequenz ist, daß eine Veränderung der Autonutzung
meist nicht mehr überlegt wird und eine Beeinflussung des modal
split zugunsten anderer Verkehrsarten auf deutlich wahrnehmbare
Änderungen der wichtigsten Entscheidungsparameter angewiesen
ist.
Wirtschaftswissenschaftlich begründet sich die Diskussion
um die Einführung von Straßenbenutzungsentgelten vor
allem aus dem Bestreben, heute externale Verkehrskosten zu internalisieren.
Dies meint eine Konkretisierung des Verursacherprinzips: diejenigen
Verkehrskosten, die heute die Gemeinschaft trägt, sollen dem
individuellen Verkehrserzeuger angelastet ("internalisiert") werden.
Dabei geht es vor allem um Umweltkosten (z.B.: Luftverschmutzung
und Lärmbelästigung), um die Bereitstellungs- und Infrastrukturkosten
für den Verkehrsraum und um große Anteile der Unfallkosten.
Berechnungen der EU (1995) ergaben externe Kosten für Pkw in
Höhe von mindestens 0,10 DM je gefahrenem Personenkilometer.
Werden den Verkehrsnutzern nicht die vollen Kosten ihrer Tätigkeit
angelastet, so führen die individuellen Mobilitätsentscheidungen
für die Gesellschaft insgesamt zu nicht optimalen Ergebnissen,
weil das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage zwischen den
Verkehrsträgern gestört ist. Wenn die Preise bestimmter
Verkehrsmittel nicht die vollen Kosten wiederspiegeln, kommt es
zu einer künstlich überhöhten Nachfrage. Solchen
modalen Ungleichgewichten (Kommission der Europäischen Gemeinschaft,
1993) wäre durch eine angemessene Preis- und Infrastrukturpolitik
entgegenzusteuern.
In Verbindung mit der Internalisierung externer Kosten ist die
Variabilisierung der individuell getragenen Kosten ein wichtiges
Moment der Verhaltensbeeinflussung. Dies meint das Bestreben, heute
fixe Kosten des Kraftfahrens (Kraftfahrzeugsteuer, Verbrauchssteuern,
Anschaffungskosten des Kraftfahrzeugs) je nach Nutzungsumfang verhaltensnah
zu berechnen. Eine differenzierte Variabilisierung könnte beispielsweise
vorsehen, die Nutzung des Straßenraumes zu bestimmten Hauptverkehrszeiten
zu verteuern (congestion pricing). Das Hauptproblem des road pricing
scheint dabei ein psychologisches zu sein: die verschiedenen denkbaren
Arten von Straßenbenutzungsentgelten finden kaum Akzeptanz
bei den Nutzern - und dies berührt wiederum ihre mögliche
Effektivität. Im Rahmen der EU-Projekte TRANSPRICE und
AFFORD werden verschiedene Konzepte der individuellen Anlastung
von
Mobilitätskosten in europäischen Städten auch auf
ihre Akzeptanz hin untersucht.
2. Konzepte der individuellen Anlastung von
Mobilitätskosten
Als von Nutzern zu tragende Transport- und Mobilitätskosten
werden generell unterschieden:
- Erwerbs- und Besitzentgelte, wie z.B. Steuern, die beim Kauf
oder Verkauf eines Fahrzeuges oder aber jährlich zu entrichten
sind , oder auch die Kosten des Fahrerlaubniserwerbs;
- indirekte Benutzungsentgelte, die beispielsweise den Zugang
zur Nutzung eines bestimmten Straßenraumes eröffnen
und die in größeren zeitlichen Abständen (z.B.
monatlich), jedenfalls nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit
dem gezeigten Verhalten zu entrichten sind (wie Kraftstoffsteuer,
Monatsfahrausweise im ÖV, Anwohnerparkgebühren, Autobahn-Vignetten,
Cordon tolls mit längerer Geltungsdauer);
- direkte Benutzungsentgelte, die auf den jeweiligen Umfang der
Nutzung (zeitlich und/oder räumlich) bezogen sind: z.B. Taxikosten,
Parkgebühren nach Nutzungszeit, Einzelfahrscheine im ÖV,
Gewichts-Distanz-Entgelte für Lkw, Cordon tolls je Durchfahrt
und automatisch gemessene (und zurückgemeldete) Straßenbenutzungsentgelte.
Zur Änderung des Mobilitätsverhalten sind die direkten,
auf das Ausmaß der Nutzung bezogenen und möglichst unmittelbar
im Zusammenhang mit der Nutzung zu entrichtenden Entgelte besonders
wirksam. Gerade dann stellen sich jedoch Fragen des Datenschutzes,
der Gewährleistung von Anonymität und Privatheit. Betrachtet
man nur die auf den privaten Kraftfahrzeugverkehr bezogenen Entgelte,
so ist festzustellen, daß allein Parkgebühren in Europa
in großem Umfang eingeführt und wenn nicht akzeptiert,
so doch toleriert sind. Über den Umfang, in dem öffentlicher
Raum als Parkfläche bereitgestellt wird, und über die
Höhe der Parkgebühren versuchen viele Kommunen, den modal
split zu beeinflussen. Im Vergleich zu Parkgebühren sind "Fahrgebühren"
für den individuellen Kraftfahrzeugverkehr wenig verbreitet.
Dabei haben Brückenzölle und Mautgebühren aller Art
in Europa eine lange Tradition. Bereits 1286 wurden Mautgebühren
auf der London Bridge eingeführt (Lay, 1994). Diese Zölle
dienten der Finanzierung und Instandhaltung von Brücken und
Straßen, teilweise auch als wohlfeile allgemeine Einnahmequelle.
Neue Formen des road pricing werden hingegen weniger als allgemeine
Finanzierungsquelle, wie sie Steuern darstellen (müssen), vielmehr
als Lenkungsabgaben verstanden, die Nachfrageverhalten beeinflussen
sollen.
Laut Beschluß des EU-Ministerrats kann elektronisches road
pricing ab 1998 auf Autobahnen und vergleichbaren Straßen
angewendet werden. Um das Jahr 2000 soll bspw. die derzeit in Deutschland
für Lkw auf Autobahnen geltende (zeitbezogene) Vignettenlösung
auf eine streckenbezogene Erhebung umgestellt werden. Zentrales
Argument ist dabei die Deckung der Wegekosten, die u.a. durch Straßenschäden
entstehen, durch die Verursacher. Road pricing in Ballungsräumen
wurde bisher vor allem in den norwegischen Städten Oslo, Bergen
und Trondheim eingesetzt. Dabei wurden an den Einfahrtsstraßen
in die Städte Kordontarifierungen entlang eines um die Innenstädte
definierten Kordons vorgenommen. In Singapur wurde ein Zonenpreissystem
eingeführt. Überlegungen zur Einführung von road
pricing finden sich in vielen Großstädten; oft wurden
sie jedoch aus Gründen befürchteter mangelnder Akzeptanz
zurückgestellt, wie z.B. in London, Stockholm und Hongkong.
Ein Modellversuch wurde in Stuttgart durchgeführt ("Mobilpass",
FAW, 1995); eingeführt wurde das System nicht.
Technisch sind verhaltensnahe Entgeltberechnungen möglich,
wenn straßen- und fahrzeugseitig die entsprechende Infrastruktur
eingerichtet wird. Gedacht ist vor allem an elektronisches road
pricing über Smartcards oder Mobilitätskarten, über
die eine Vielzahl von Mobilitäts-, Kommunikations- und Transaktionsvorgängen
abgewickelt werden kann. Solche Lösungen sind technisch möglich,
sie erscheinen wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll - und
sie stoßen dennoch nur auf geringe öffentliche und politische
Akzeptanz. Unter anderem wurde im EU-Projekt MIRO (MIRO,
1995; Bartley, 1995) nach der Akzeptabilität verschiedener
Möglichkeiten des Nachfragemanagements gefragt. Tabelle 1 fasst
die wesentlichen Resultate zusammen, indem für die 8 an MIRO
beteiligten europäischen Städte zu 6 Optionen die jeweiligen
Bewertungsrangzahlen summiert wurden. Der minimale Wert 8 entspricht
ersten Rangplätzen in allen 8 Städten und weist darauf
hin, daß diese Option am besten bekannt ist oder als die effektivste
bzw. am besten akzeptable Lösung wahrgenommen wird. Der Maximalwert
48 beschreibt die Option als am wenigsten bekannt, effektiv oder
akzeptabel.
Tab. 1: DEMAND MANAGEMENT OPTIONS (Schlag, Teubel, 1996)
| |
Awareness of demand management options
|
Perceived effectiveness for congestion abatement
|
Perceived effectiveness for improvement of
public transport usage
|
Accepta-bility
|
| Improve public transport |
12
|
8
|
8
|
8
|
| Restrict driving (access
control) |
14
|
16
|
16
|
16
|
| Increase parking costs |
28
|
32
|
31
|
34
|
| Reduce parking space |
36
|
42
|
27
|
36
|
| Pay to use roads (road
pricing) |
31
|
30
|
38
|
38
|
| Pay on congested roads
(congestion pricing) |
47
|
40
|
47
|
35
|
Im Ergebnis rangierten Verbesserungen des öffentlichen Personenverkehrs
immer an erster Stelle, gefolgt von Vorschlägen zur Zugangskontrolle
zu Innenstädten (restrict driving), und - mit Abstand - einer
Erhöhung der Parkgebühren und einer Reduzierung des Parkraumes.
Die
geringste Akzeptanz fanden Entgelte für die Benutzung von
Straßen (road pricing), und sei dies nur in Zeiten besonders
hoher Verkehrsdichte (congestion pricing). In der Bevölkerung
werden damit erwartungsgemäß solche Eingriffe favorisiert,
die die eigenen Handlungsmöglichkeiten erweitern. Es überrascht
allerdings, daß selbst eindeutige Restriktionen im Vergleich
zu Preismaßnahmen eher akzeptiert wurden. Möglicherweise
spielt dabei eine Rolle, daß Gebote und Verbote im Verkehrsbereich
eingeführt sind; eventuell werden sie jedoch auch als vergleichsweise
gerechter erlebt.
3. Akzeptanzprobleme und Lösungsansätze
Akzeptanzprobleme sind auf mehreren Ebenen zu analysieren. Ausgegangen
werden kann zunächst davon, daß in hochverdichteten Regionen
ein verbreitetes Bewußtsein von Mobilitätsproblemen vorhanden
ist. Weitere Verschlechterungen werden befürchtet, die Notwendigkeit
und Dringlichkeit von Gegenmaßnahmen scheint öffentlich
unbestritten. Schon die Zielvorstellungen laufen jedoch auseinander,
je nach Mobilitätsbedürfnissen, persönlichen Einstellungen
und sozialen Normen, denen man sich verpflichtet fühlt. Zielkonflikte
bestehen zwischen partikularen und allgemeinen Interessen, zwischen
spezifischen wirtschaftlichen und ökologischen Anforderungen,
zwischen dem Wunsch nach Privatheit und angemessenen Wohnbedingungen
auf der einen und allerorts freien Zugangsmöglichkeiten auf
der anderen Seite, oder auch zwischen den Anforderungen, die die
unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer in Konkurrenz zueinander an
den öffentlichen Raum stellen. Dennoch sind verschiedene Möglichkeiten
zur Problemlösung durchaus öffentlich bekannt; sie werden
jedoch je nach Zielvorstellung unterschiedlich bewertet und viele
sehen sich aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage,
die jeweilige Lösungsoption für sich persönlich zu
übernehmen.
Den theoretischen Hintergrund des Modells, mit dem in Abbildung
2 die Struktur der Akzeptanzproblematik bei Straßenbenutzungsentgelten
umrissen wird, bildet vor allem die Theorie des geplanten Verhaltens
von Ajzen (1985; Frey u.a., 1993), die die Theorie des überlegten
Handelns (Fishbein und Ajzen, 1975) fortführt und die ihrerseits
u.a. durch Erwartung- x Wert-Modelle und die self-efficacy-Theorie
von Bandura (1977) inspiriert ist. Einstellungen bezeichnen dabei
im Sinne von Fishbein und Ajzen (1975) "attitudes toward the behavior",
operationalisiert als die Meinung der Person, daß ihr Verhalten
zu bestimmten Ergebnissen führt, und ihre Bewertung dieser
Ergebnisse. Aufgegriffen wurden zudem Gedanken der Theorie der Schutzmotivation
von Rogers (1983), die ebenfalls wahrgenommene Verhaltenskonsequenzen
und deren Kontrollierbarkeit bei adaptiven Handlungen in den Mittelpunkt
stellt. Verbunden werden damit Ideen des kognitiven Motivationsmodells
von Heckhausen (1989), nach dem u.a. wahrgenommene Verhaltenskonsequenzen
zu Erwartungen über zukünftige Handlungsfolgen und damit
auch über künftige Binnenzustände und deren emotionalen
Anreizwert führen.
Um das Bewußtsein, daß Straßenbenutzungsentgelte
eine effektive Option zur Lösung als dringlich empfundener
Verkehrsprobleme sein können, in öffentliche Akzeptanz
dieser Lösung umzusetzen, müssen in der Praxis mindestens
5 Problembereiche in ihrem Wechselspiel berücksichtigt werden:
Information; die wahrgenommene Effektivität und Effizienz der
Maßnahme; der persönliche Bezug zum Fahrzeug und die
Privatheit; die Verwendung der durch road pricing erzielten Einnahmen;
und equity im Sinn einer als gerecht empfundenen Verteilung von
Kosten und Nutzen.
3.1 Information
Alle Maßnahmen, die die Verkehrsnachfrage verändern
sollen, sind auf gute Information und hohe Transparenz für
den Nutzer angewiesen. Dabei muß sowohl der Problemhintergrund
(beispielsweise die wahren Kosten der Mobilität) deutlich sein.
Daneben müssen die angestrebten und mit den Maßnahmen
zu erreichenden Ziele (z. B. Umweltziele, Sicherheitsziele oder
effizientere Nutzung des Straßenraumes und Stauvermeidung)
wie auch die konkrete Umsetzung der Maßnahmen transparent
gemacht werden. Eine deutliche Differenz besteht dabei zumeist zwischen
dem, was als die beste Lösung im Interesse der eigenen Person,
und dem, was als die beste Lösung im allgemeinen Interesse
angesehen wird. Beispielsweise forderten in England Befragte, ging
es um ihre persönlichen Interessen, höhere Ausgaben für
Straßen und niedrigere für die Eisenbahn, während
sie, befragt nach dem, was im besten Interesse des gesamten Landes
wäre, genau umgekehrt argumentierten. Dort zeigte sich auch
eine andere wichtige Differenz: Politische Entscheidungsträger
schätzten die öffentliche Meinung weit stärker "pro
car" ein als dies tatsächlich der Fall war. So gaben 85% der
befragten Erwachsenen dem öffentlichen Transport Priorität
gegenüber dem Auto, während Entscheidungsträger diese
Quote nur auf die Hälfte schätzten (43%; Jones, 1995).
Wenn Personen nicht überzeugt werden können, so wird
die externe Durchsetzung und Überwachung, will man die Maßnahme
dennoch einführen, streng sein müssen. Aber auch diese
externe Kontrolle wird nur dann funktionieren, wenn die große
Mehrheit im allgemeinen der Maßnahme zustimmt und wünscht,
daß Verstöße verfolgt und geahndet werden. Nur
wenn die sozialen Normen, die sich in den Überzeugungen der
Mehrheit der Betroffenen widerspiegeln, in bezug auf die Problemwahrnehmung,
die erstrebenswerten Ziele und die Bewertung von Lösungsmöglichkeiten
in hohem Umfang die intendierten Maßnahmen unterstützen
und sich darüber auch ein neues kognitives Bild der Mobilitätssituation
etabliert, werden Änderungen der Mobilitätsmuster auf
breiter Ebene erfolgreich sein.
3.2 Die wahrgenommen Effektivität und Effizienz
Soweit das Problembewußtsein vorhanden ist und Veränderungsziele
festgelegt werden können, wird es zu einer zentralen Frage,
inwieweit vorgeschlagene Maßnahmen als besonders effektive
und effiziente Problemlösungen wahrgenommen werden. Effektivität
meint das Ausmaß, mit dem definierte Ziele durch die jeweilige
Maßnahme erreicht werden; Effizienz meint die Kosten-Nutzen-Relation
für diese Maßnahme, hier: road pricing, im Vergleich
zu alternativen Strategien. Die Akzeptanz hängt in hohem Maße
von der Überzeugung ab, daß road pricing ein effektiver
und effizienter Problemlöseweg ist. Umgekehrt ist die Effektivität
wiederum auf eine hohe Akzeptanz angewiesen, da ansonsten die Zielerreichung
in Frage steht. Menschen müssen also überzeugt sein bzw.
werden, daß ihr unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten verändertes
Mobilitätsverhalten zur Erreichung gewünschter Ziele beiträgt.
Sowohl die Bewertungen (der Problemlagen wie der Zielsetzungen)
wie die Erwartungen, d.h. die wahrgenommene Wahrscheinlichkeit,
diese Ziele zu erreichen, müssen transparent sein. Darüberhinaus
müssen erste Versuche mit den neuen Verhaltensweisen erfolgreich
sein, damit positive Kontingenzen zwischen dem geänderten Verhalten
und seinen Konsequenzen aufgebaut werden. Daß Straßenbenutzungsgebühren
als besonders wirksamer Weg der Problemlösung überzeugend
dargestellt werden müssen, ist umso bedeutsamer, als die Verkehrsteilnehmer
gewohnt sind, öffentliche Straßen als "freie Güter"
zu betrachten, für die nicht zu zahlen sei.
3.3 Privatheit und die Beziehung zum Fahrzeug
Die Akzeptanz von Maßnahmen, die den Gebrauch des eigenen
Kraftfahrzeugs vermindern oder seinen Preis erhöhen, hängt
weiterhin ab von der persönlichen Beziehung zum Kraftfahrzeug.
Seine Bedeutung nicht nur als Transportmittel, sondern darüberhinaus
als Mittel zur Freizeitgestaltung und als Symbol des erreichten
Status und der eigenen Unabhängigkeit läßt Reaktanz
und Ablehnung entstehen, wenn eine Bedrohung dieser Zusatznutzen
ohne zureichende Alternativen wahrgenommen wird.
Die Akzeptanz von elektronischen road pricing-Systemen steht auch
deshalb in Frage, weil die Vermutung eines Eindringens in die Privatsphäre
bis hin zu der Befürchtung, daß individuelles Mobilitätsverhalten
nachgezeichnet werden könnte, nicht hinreichend überzeugend
ausgeräumt ist. Die Erfahrungen mit einem großen Demonstrationsprojekt
für ein elektronisches road pricing-System in Hongkong (mit
seiner spezifischen Situation) zeigen hier ebenso deutlich Probleme
(Hau, 1990) wie der deutsche Feldversuch auf der A 555 zwischen
Köln und Bonn. Datenschutzprobleme müssen mit Sicherheit
und Glaubwürdigkeit ausgeräumt sein, wenn den Verkehrsteilnehmern
Befürchtungen über ein Eindringen in ihre Privatsphäre
genommen werden sollen.
3.4 Die Einnahmenverwendung
Die öffentliche Akzeptanz von Straßenbenutzungsentgelten
hängt nicht zuletzt davon ab, wie die erzielten Einnahmen genutzt
werden. Oft werden diese Einnahmen nur als eine weitere Form der
Besteuerung gesehen, die in öffentlichen Haushalten ohne irgendeinen
spezifischen Nutzen für die Zahlenden verschwinde. Im Gegensatz
dazu ist ein Kernpunkt eines integrierten Mobilitätsmanagement-Konzepts,
daß Push-Maßnahmen (wie Restriktionen und Kostenanlastungen)
immer durch Pull-Maßnahmen, vor allem die Verbesserung des
öffentlichen Verkehrs, aufgewogen werden müssen. Eine
notwendige Voraussetzung öffentlicher Akzeptanz ist die Überzeugung,
daß die Einnahmen ausschließlich für die Verbesserung
ökologisch und sozial sinnvoller Mobilitätschancen verwendet
werden. Dieses Prinzip der " Hypothekation" muß nicht nur
konsequent beachtet, sondern auch überzeugend transparent gemacht
werden. Ein Problem der Hypothekation der Einnahmen liegt darin,
daß die alternativen Mobilitätsmöglichkeiten entwickelt
sein müssen, bevor Straßenbenutzungsentgelte erhoben
werden. Damit das neue Verhalten als günstig erlebt werden
kann, müssen die alternativen Verkehrsmittel bereits vorhanden,
attraktiv und bekannt sein. Nur so können Verkehrsteilnehmer
positive Erfahrungen machen, wenn sie das erste Mal einen "Umstieg"
versuchen. Zum Teil mögen dabei positive Erwartungen, Werte
und Erfolge durch Modelle kommuniziert werden, die stellvertretende
Bekräftigung erfahren. Entscheidend ist jedoch, daß die
neuen Verhaltensintentionen auf eine Situation treffen, in der die
Chance besteht, den Intentionen gemäß zu handeln (perceived
behavioral control II), und daß diese Verhaltensumsetzung
in der persönlichen Kosten-Nutzen-Betrachtung günstig
abschneidet und so neue Gewohnheiten im Einklang mit neuen normativen
Verhaltenserwartungen aufgebaut werden.
3.5 Equity
Equity bezieht sich auf die Verteilung von Kosten und Nutzen. Bei
road pricing hat dies einen intrapersonalen, einen interpersonalen
und einen interregionalen Aspekt. Interregionale Gleichbehandlung
meint die unfaire Verteilung von Kosten und Nutzen zwischen benachbarten
Städten oder Regionen. So kann eine Stadt, die Straßenbenutzungsentgelte
oder auch Zugangsrestriktionen für ihre Innenstadt allein oder
als erste einführt, für ihren innerstädtischen Handel
Wettbewerbsnachteile sehen. Diese Nachteile stehen politischer Akzeptanz
im Wege. Die Koordination solcher Vorhaben zwischen benachbarten
Städten oder Regionen ist unumgänglich - eine Tatsache,
die die besondere Beachtung erklären hilft, die road pricing
auf europäischer im Gegensatz zu nationaler oder regionaler
Ebene erfährt.
Aber auch auf der persönlichen Ebene ist eine faire Verteilung
von Kosten und Nutzen eine zentrale Akzeptanzvoraussetzung. So hat
ein Nutzungsentgelt von 3 DM je Fahrt für eine Person mit einem
niedrigen Einkommen einen anderen Wert als für eine Person
mit einem hohen Einkommen. Straßenbenutzungsentgelte sollten
nicht zur Mobilitätsverhinderung für bestimmte soziale
Gruppen führen. Auf der anderen Seite gelten die Elastizitäten
der Verkehrsnachfrage als gering. Um das Nachfrageverhalten zu verändern,
müssen substantielle Entgelte erhoben werden. Faires road pricing
ist auch deshalb auf eine gezielte Rückverteilung der Einnahmen
im Sinne der beschriebenen Hypothekation angewiesen (vgl. Giuliano,
1994). Denn wenn alternative Mobilitätschancen - zum Vorteil
aller sozialer Gruppen - verbessert werden, ergeben sich positive
Verteilungseffekte zugunsten von Menschen, die kein Kraftfahrzeug
besitzen, und die wiederum vergleichsweise häufiger niedrigeren
Einkommensgruppen angehören. Nicht zuletzt muß ein weiterer
Aspekt der persönlichen Kosten-Nutzen-Relation als fair erlebt
werden: die Nutzen, die die Menschen aus einem veränderten
Verhalten für sich selbst ziehen, müssen ihre Kosten zumindest
auf eine immaterielle Art (z.B. durch Erreichen anderer hoch bewerteter
Ziele) ausbalancieren. Dieser Aspekt von Equity wird wiederum häufig
beurteilt erst im Vergleich zu den Kosten-Nutzen-Relationen, die
bei ähnlichen anderen gesehen werden.
Straßenbenutzungsentgelte spielen damit eine zentrale Rolle
in einem Gesamtpaket zur Veränderung des Mobilitätsverhaltens,
in dem Push-, Pull- und Publicity-Aspekte aufeinander abgestimmt
sind. Sie sind derjenige Teil eines Pakets, der öffentlich
zunächst als negativ erlebt wird, ohne den die anderen, positiven
Veränderungsstrategien jedoch kaum nachhaltig realisiert werden
können.
4. Literatur
Ajzen, I.:
From intentions to actions: a theory of planned behavior. In: J.
Kuhl, J. Beckmann (eds.): Action control. Heidelberg: Springer,
1985, 11-39.
Bandura, A.:
Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological
Review 84, 1977, 191-215.
Banister, D.:
Equity and acceptability in internalising the social costs of transport.
In: ECMT: Internalising the social costs of transport. Paris: ECMT,
1994, 153-175.
Europäische Union:
Faire und effiziente Preise im Verkehr. Luxemburg, 1995.
Guiliano, G.:
Equity and fairness considerations of congestion pricing. In: National
Research Council (ed.): Curbing Gridlock, Vol. 2. Special report
242, Washington D.C., 1994, 250-279.
FAW - Forschungsinstitut für Anwendungsorientierte Wissensverarbeitung:
MobilPass-Feldversuch. Dokumentation im Auftrag des Verkehrsministeriums
Baden-Württemberg, Stuttgart, 1995.
Fishbein, M., Ajzen, I.:
Belief, attitude, intention, and behavior: An introduction to theory
and research. Reading, Mass.: Addison-Wesley, 1975.
Frey, D., Stahlberg, D., Gollwitzer, P. M.:
Einstellung und Verhalten: Die Theorie des überlegten Handelns
und die Theorie des geplanten Verhaltens. In: D. Frey, M. Irle (Hg.):
Theorien der Sozialpsychologie, Bd. I. Bern: Huber, 1993, 361-398.
Hau, T. D.:
Electronic road pricing. Developments in Hong Kong 1983-1989. Journal
of Transport Economics and Policies, 1990, 203-214.
Heckhausen, H.:
Motivation und Handeln. Heidelberg: Springer, 19892.
Jones, P. M.:
Road pricing: The public viewpoint. In: B. Johansson, L. G. Mattsson
(eds.): Road pricing: Theory, empirical assessment and policy. Boston,
Dordrecht, London: Kluwer, 1995, 159-180.
Kommission der Europäischen Gemeinschaften:
Die künftige Entwicklung der Gemeinsamen Verkehrspolitik. Bulletin
der EG, Beilage 3/93, Luxemburg, 1993.
Lay, M. G.:
Die Geschichte der Straße. Frankfurt/M., New York: Campus,
1994.
MIRO Consortium:
MIRO Final Report. Deliverable 8 to Commission of the European Communities,
DG XIII DRIVE Programme, Brussels, 1995.
RAC - Foundation for Motoring and the Environment:
Car dependence. Oxford, 1995.
Rogers, R. W.:
Cognitive and psychological processes in fear appeals and attitude
change: A revised theory of protection motivation. In: J. T. Cacioppo,
R. E. Petty (eds.): Social psychophysiology: A sourcebook. New York:
Guilford Press, 1983, 153-176.
Rothengatter, W.:
Road pricing. Straße + Autobahn 45 (1994), 8, 425 - 429.
Schlag, B.:
Lern- und Leistungsmotivation. Opladen: UTB/Leske + Budrich, 1995.
Schlag, B., Teubel, U.:
Public and political acceptability issues. In: Gunnarsson, O., Schlag,
B., et al.: TRANSPRICE Deliverable 1, Report to EC, DG VII. London/Goeteborg,
1996.
|